Klimaschutz in der Sozialen Arbeit durch Migrant*innenorganisationen

Fachinformation - geschrieben am 27.03.2024 - 13:31

Das Fachgespräch "Klimaschutz in der Sozialen Arbeit durch Migrant*innenorganisationen" brachte eine Vielzahl von Akteur*innen zusammen, um die Rolle und Herausforderungen von Migrant*innenorganisationen und Menschen mit internationaler Familiengeschichte im Kontext des Klimaschutzes zu diskutieren.

Eine differenzierte Betrachtung von Menschen mit internationaler Familiengeschichte, als Betroffene und als Akteur*innen in Nachhaltigkeitsprozessen, ist bei dem Thema zentral. Das machte Dr. Claus Eppe von ntag.partners gleich zu Beginn seiner Keynote „Beteiligung von Menschen mit internationaler Familiengeschichte an Zielen für nachhaltige Entwicklung“ deutlich. Er betonte die Notwendigkeit, diese Vielfalt zu berücksichtigen, insbesondere in Bezug auf die Beteiligung an den Zielen für nachhaltige Entwicklung.

Eine qualifizierte Beteiligung erfordert laut Dr. Eppe Bildung und Basiswissen. Differenzierte Bildungsprozesse stellen die Fragen nach der Eigenverantwortung und politischen Mitwirkung auf allen Ebenen. Globale Krisen benötigten international akzeptierte Lösungsansätze, wie zum Beispiel die Agenda 2030 (17 Nachhaltigkeitsziele - SDGs). Unter SDG 13 ist klar festgehalten, dass die politischen Rahmenbedingungen für den Klimaschutz im sogenannten globalen Süden verbessert werden müssen. „Leave no one behind“ sei die Kernidee der Agenda 2030 und der SDGs. Gerechtigkeit und Diversity stünden dabei im Zentrum. Es gebe einen globalen Grundkonsens und zahlreiche Möglichkeiten der Mitwirkung und Überprüfung. Auch Migration ist laut Dr. Eppe ein Querschnittsthema in der Agenda 2023, woraus sich vielfältige Anknüpfungsmöglichkeiten ziehen lassen.

Einige Nachhaltigkeitsziele sind gute Anknüpfungspunkte für die Beteiligung von Menschen mit internationaler Familiengeschichte: Armut, Bildung, Kinder, Gesundheit und Bildung (Abfrage MSO, NRW Ende 2022). Grund dafür sei, dass Menschen mit internationaler Familiengeschichte an die Situationen ihrer Familien in den Herkunftsländern denken.

Alle an Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen beteiligen

Menschen mit internationaler Familiengeschichte können zum Klimaschutz auf lokaler Ebene aktiv werden. Oft sind sie aber nicht an der Erarbeitung von Nachhaltigkeitsstrategien beteiligt. Hier gilt es im Sinne eines wechselseitigen Empowerments zu vermitteln, warum sie beteiligt werden sollten und warum sie sich beteiligen sollten. Menschen mit internationaler Familiengeschichte haben international eine bedeutende Rolle als Brückenbauende. Sie können in Kommunen, Gemeinden, Vereinen und in der Lokalpolitik aktiv sein und gleichzeitig in ihren Herkunftsländern. Dr. Eppe nennt hier das Beispiel der Vermittlung und Bewusstseinsbildung in Zielkonflikten: Fischer dürfen aus Umweltschutzgründen nicht mehr fischen, verlieren dadurch aber ihre Arbeit und einzige Einkommensquelle. Oder Projekte in Abholzungsgebieten in Sri Lanka, wo Schulen und ihre Schüler*innen bei der Aufforstung unterstützen. Es sei wichtig, gute Beispiele und Initiativen sichtbar zu machen und Ideen zu kopieren.

Dr. Eppe fasst zusammen: Menschen mit internationaler Familiengeschichte in Deutschland denken die Agenda 2030 global und sind zentrale Akteure hier und im sogenannten globalen Süden. Als Voraussetzung für eine erfolgreiche Agenda 2030 in Deutschland müssen mit ihnen gemeinsam internationale Brücken gebaut werden. Das gemeinsame Ziel sollte ein gutes Leben für alle sein.

Auch die Diskussion machte deutlich, dass Menschen mit internationaler Familiengeschichte oft nicht angemessen an der Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien beteiligt sind. Es wurde betont, dass eine Sensibilisierung von Entscheidungsträger*innen sowie von Migrant*innen selbst für die Bedeutung ihrer Beteiligung ein wichtiger Schritt ist. Diese Beteiligung umfasst sowohl die Erarbeitung von Strategien als auch die praktische Umsetzung von Maßnahmen.

Beteiligung von Menschen mit internationaler Familiengeschichte in der Praxis

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung wurden verschiedene Projekte und Initiativen vorgestellt, die die Beteiligung von Migrant*innen an Umweltschutzmaßnahmen fördern.

Gülcan Nitsch gründete mit Yeşil Çember die bundesweit erste türkischsprachige Umweltgruppe in Deutschland. Frau Nitsch stellte unterschiedliche Publikationen (z. B. das Umweltwörterbuch), Projekte (z. B. das EU-Projekt ChemBee) und weitere Ideen (z. B. die Schulung von Stadtteilmüttern als Mentor*innen) vor.

Claudia Schneider vom Verein Thüringer Ökoherz stellte das Projekt Geflüchtete in der Sozialen Landwirtschaft vor. Sie zeigte den Mehrwert für Menschen mit Fluchterfahrung durch das Mitwirken auf einem Hof auf, z. B. Geld verdienen, neue Fähigkeiten, Kompetenzen und Sprache erwerben, sinnstiftende Tätigkeiten, heilsame Wirkung der Natur und bessere mentale Gesundheit, soziale Inklusion auf den Höfen und kultureller Austausch. Sie ging aber auch auf den Gewinn für den ländlichen Raum ein: Ökologischer Landbau sei besser umsetzbar mit mehr Händen, es sei eine neue Einkommensquelle für die Höfe, und die Landwirt*innen könnten noch einiges von Landwirt*innen aus anderen Ländern lernen.

Martin Ladach, Projektleiter beim Bergwaldprojekt, stellte die deutschlandweiten Projekte des Vereins vor. Der Verein fördert das Verständnis für die Zusammenhänge in der Natur, für die Belange des Waldes und für die Abhängigkeit des Menschen von diesen Lebensgrundlagen. In Projektwochen, die als integrative Wochen gekennzeichnet sind, bezieht der Verein auch Gruppen aus sozialen Einrichtungen ein. So erhalten z. B. behinderte oder geflüchtete Menschen die Möglichkeit, die Einsätze des Bergwaldprojekts kennenzulernen und sich gesellschaftlich zu engagieren. Neben der ökologischen Bewusstseinsbildung sollen diese Wochen auch das Verständnis für Nachhaltigkeit im Sinne einer gerechten Welt fördern.

Fehlendes Vertrauen in Institutionen und Politik

Marta Taş, Jugendsprecherin und Integrationslotsin bei der GEMI Jugend (Forum Gemeinsam für Integration - GEMI e.V.) in Bochum-Wattenscheid, stellte die Ergebnisse einer mehrsprachigen Umfrage der GEMI Jugend unter Jugendlichen im Alter von zwölf bis 28 Jahren vor. Demnach ist gut 60 Prozent der Befragten das Thema Klimaschutz sehr wichtig. Wenn die Aspekte zum Thema Klimaschutz nach persönlicher Präferenz bewertet werden sollen, stehen Umweltbildung, Nachhaltige Landwirtschaft und Nachhaltiger Konsum weit oben, Aktivismus sowie Forschung und Innovation liegen auf den letzten zwei Plätzen. Es fällt auf, dass vor allem junge Menschen, die geflüchtet sind, weniger an Aktivismus glauben. Diejenigen, die in Deutschland geboren sind und sich zum Beispiel politisch engagieren, priorisieren Aktivismus höher. Gründe dafür können sein, dass Jugendliche, die hier geboren sind, mit dem System und mit politischen Prozessen vertraut sind. Bei Geflüchteten fehlen hingegen das Vertrauen in Institutionen und Politik infolge schlechter Erfahrungen sowie Unterstützungsstrukturen.

Den Jugendlichen ist nachhaltige Mobilität sehr wichtig, und in den sozialen Netzwerken versuchen sie, nachhaltige Trends nachzuahmen, bei denen nicht nur die Bedeutung für die Umwelt, sondern auch für die Gesundheit erläutert wird. Grundsätzlich nehmen die Jugendlichen den Zustand unseres Planeten sehr negativ wahr. Sie wollen etwas tun, wissen aber zu wenig über den Klimaschutz, da dazu in den Schulen zu wenig gemacht werden würde. Die Schulen gingen davon aus, dass zu Hause über das Thema gesprochen wird, was bei den befragten Jugendlichen aber nicht der Fall ist. Im Anschluss an die Präsentation der Umfrage stellte Marta Taş noch Projekte wie Seven Gardens und den Aktionstag Umwelt im Quartier vor.

Anstieg der Emissionen durch Adaption an das Leben in Deutschland

Dominik Donges vom Verein Multikulturelles Forum gab einen Einblick in das Projekt Integra_et_Klima - Klimaschutz als Strategie zur Förderung der Integration von Migrant_innen. Das Projekt erforschte, wie klimaschutzbezogenes Verhalten gezielt in integrations- und berufsbezogenen Sprachkursen vermittelt werden kann. Dazu wurden Lehrmaterialien entwickelt, die in zwei Phasen erprobt, evaluiert und optimiert wurden. Das Ergebnis ist, dass der CO2-Ausstoß der Menschen, die damit unterrichtet wurden, weniger angestiegen ist als bei den Menschen, die nicht damit unterrichtet wurden. Der generelle Anstieg der Emissionen lässt sich durch die Adaption an das Leben in Deutschland erklären. Das Multikulturelle Forum begleitete zudem noch ein Partizipationsprojekt, im Rahmen dessen Teilnehmende aus Kursen verschiedene Initiativen und Vereine besuchten, in denen weniger die Wissensvermittlung im Vordergrund stand, sondern eher ein Austausch zu dem Thema auf Augenhöhe und gemeinsame Aktionen.

Amelie Thomé vom oekom-Verlag stellte als letztes Praxisbeispiel das Projekt Klimasparbuch vor. Das Klimasparbuch ist seit 2009 sowohl Ratgeber als auch Gutscheinbuch, erarbeitet für Kommunen und Landkreise. Die Zielgruppe sind eigentlich alle Bürgerinnen und Bürger vor Ort, allerdings werden nicht alle erreicht. Um das Nachhaltigkeitsbewusstsein und -handeln in allen Bevölkerungsgruppen zu stärken, indem verschiedene Kommunikationskanäle (Print, Regionalmedien, soziale Medien) interkulturell genutzt werden, sucht der Verlag nach Partner*innen.

Die vorgestellten Projekte und Initiativen bieten nicht nur praktische Möglichkeiten für Engagement, sondern tragen auch dazu bei, das Bewusstsein für Umweltfragen in der migrantischen Community zu stärken.

Im Anschluss an die Praxisbeispiele stellte Yan Ugodnikov, Sprecher im Forum der Migrant*innen im Paritätischen und Integrationsmanager beim GEMI e. V., die Arbeit des Forums und die Herausforderung der Verbändearbeit vor. Ugodnikov betonte, dass Menschen mit internationaler Familiengeschichte und deren Bedeutung beim Klimaschutz nicht richtig erfasst werde. Eine Herausforderung, aber auch große Chance sei die Mehrsprachigkeit. Hier möchte das Forum den Mitgliedsorganisationen etwas an die Hand geben. Deshalb veröffentlichten das Forum der Migrant*innen im Paritätischen und das Projekt „Klimaschutz in der Sozialen Arbeit stärken“ Postkarten mit Klimaschutztipps in neun Sprachen.

Migrant*innenorganisationen sensibilisieren und unterstützen

Ugodnikov hob die marginalisierte Position von BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) hervor und wie der Planet auf ihre Kosten bis heute ausgebeutet wird. Die Zahl der Umweltgeflüchteten wird steigen, und sie werden als Erstes zu Migrant*innenorganisationen kommen, die deshalb gut für das Thema sensibilisiert und unterstützt werden müssen. Diese Veranstaltung sollte dafür ein Auftakt sein. Das Forum will Strategien erarbeiten, um bessere Rahmenbedingungen für Mitgliedsorganisationen zu schaffen, sie zu empowern und Basiswissen in Form von Umweltbildung zur Verfügung zu stellen.

Als letzter Gast gab der Sozialaktivist, Autor und Diversity-Trainer Ali Can einen Einblick in den NRW-Nachhaltigkeitsbeirat, in welchem er als einzige Person mit internationaler Familiengeschichte Mitglied ist. Can machte viele Angebote, sich in die Nachhaltigkeitsstrategie von NRW einzubringen, und gab einen Überblick, mit welchen Mitteln das Thema sonst noch sichtbar gemacht werden kann.

Insgesamt war die Veranstaltung "Klimaschutz in der Sozialen Arbeit durch Migrant*innenorganisationen" ein wichtiger Schritt hin zu einem umfassenderen Verständnis der Rolle von Menschen mit internationaler Familiengeschichte im Klimaschutz. Sie bot einen Raum für den Austausch von Ideen und Erfahrungen und trug dazu bei, erste Strategien zur Förderung des Klimaschutzes durch Migrant*innenorganisationen zu entwickeln.

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